Offenheit für China ist notwendig, um den Anschluss an Zukunftstechniken zu bekommen
Viele nennen sich Chinaexperten, kennen aber den chinesischen AlltaViele nennen sich Chinaexperten, kennen aber den chinesischen Alltag kaum. Der Auto- und Chinaspezialist Philipp Raasch lebt jedes Jahr mehrere Wochen in China. Auf YouTube erzählt er spannend und kenntnisreich die Geschichte des ehemaligen Audi-Ingenieurs und späteren chinesischen Wissenschafts- und Technologieministers Wan Gang, der als Vater von Chinas Elektroauto-Branche gilt.
Der Beitrag zeigt: Eine wirksame Strategie, um China bei Zukunftstechnologien einzuholen, ist recht einfach: China kennenlernen, chinesische Technologieführer ins Land locken. Das gibt schnell und kostengünstig einen Technologieschub.
Das Fazit von Raasch:
„Bei uns heißt es oft: China hat uns kopiert. Die Geschichte von Wan Gang zeigt etwas anderes. China hat uns kennengelernt. Und zwar sehr gut. Wan hat 15 Jahre bei uns gelernt und dann in China etwas Neues daraus gemacht. Das macht China sogar ganz systematisch. Schon 2006 schreibt die Regierung in einen Plan:
- Technologie aus dem Ausland übernehmen
- Verstehen, wie sie funktioniert
- Daraus etwas Neues machen
Kopieren ist für China also nur der erste Schritt. China hat erkannt, wo unsere Stärken liegen. Aber eben auch unsere Schwächen. Und China hat einen Weg an unseren Stärken vorbei gefunden. Das ist für mich das eigentliche Learning. Bei den Verbrennern liegt VW samt Audi in China bis heute vorn. Nur kaufen die Chinesen eben immer weniger Verbrenner.
Umgekehrt hören wir bei uns oft: Wir haben den Wandel verschlafen. Das stimmt für mich auch nicht. Wir haben uns auf unsere Stärken fokussiert. Und auch das war völlig rational. Wir hatten ein Erfolgsmodell. Das haben wir immer weiter perfektioniert. Und es lief immer besser, effizienter und profitabler. Es gab also gar keinen Druck. Keiner musste über die Zeit nach dem Verbrenner nachdenken. Auch VW-Chef Oliver Blume sagt inzwischen: VW habe in Deutschland zu lange vom alten Erfolg gelebt.
Wan sagt heute: Europa war Chinas Vorbild. China wird auch in Zukunft noch viel von Europa lernen. Und ich denke, genau das können wir aus dieser Geschichte mitnehmen. Wir sollten genauso offen und neugierig sein wie Wan. Und von China lernen, so wie China von uns gelernt hat. Das heißt: nach China gehen. Verstehen, wie dort gearbeitet wird. Wo die Firmen stark sind und wo ihre Schwächen liegen.
Und das geht inzwischen auch hier bei uns. Chinesische Firmen kommen nämlich gerade nach Europa. Und sie suchen Fachkräfte. Wer bei ihnen anfängt, wird bei uns aber oft als Verräter abgestempelt. Dabei müssten wir genau das fördern. Denn irgendwann bringen diese Leute ihr Wissen zurück. So wie Wan Gang damals. Dann können wir das machen, was China mit uns gemacht hat: nicht gegen ihre Stärken antreten, sondern einen Weg an ihnen vorbei finden. Und vor allem sollten wir uns mit Blick auf die zweite Halbzeit fragen: Wer bei uns kennt China eigentlich so gut wie Wan uns kennt?“
Das YouTube-Video ist auf jeden Fall sehenswert: Wan Gang – eine Lebensgeschichte wie ein Roman.
Links
VIDEO. China hat uns nicht kopiert. Es ist viel schlimmer
Shanghai – Autobranche. Vom Eselskarren zum smarten Elektroauto
ASIA MEDIA SERVICE, Dr. Thomas Kiefer
Foto: Juni 2004 – Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann wirbt im Gespräch mit Wan Gang an der Tongji-Universität für Dieseltechnologie. „Sauberen Diesel gibt es nicht“, erwidert Wan und überreicht seinem Besucher ein Santana-Modell mit Brennstoffzellenantrieb. © Thomas Kiefer

