Autobranche China

Tausende chinesische Unternehmen der Autobranche stellten auf Deutschen Industriemessen aus

China fordert fairen Wettbewerb / Politische Lösung notwendig

Ungeachtet der drohenden Zusatzzölle auf E-Autos war die chinesische Automobilbranche im September auf deutschen Fachmessen gut vertreten. Die Internationalisierung geht in eine neue Runde. Wie einige Jahrzehnte zuvor die deutschen Autokonzerne möchten sich nun die chinesischen Unternehmen internationalisieren; sie suchen neue Bezugsquellen, Absatzmärkte und manche sondieren auch bereits Produktionsstandorte in Europa.

Bei Zukunftstechnologien sind die chinesischen Autokonzerne oft führend. Das liegt weniger an den oft beschworenen Subventionen, die pro Fahrzeug – je nach Datengrundlage – in der EU oder den USA sogar höher als in China sein dürften. Der Vorsprung kommt vor allem daher, dass weit über die Hälfte aller Elektrofahrzeuge weltweit in China verkauft und produziert werden. Dort wurden im vergangenen Jahr über 13 Millionen Elektroautos verkauft, in Europa etwa 3 Millionen und in den USA 1,5 Millionen. China hält damit einen Marktanteil von 60 Prozent bei Verkäufen und Produktion.

Zudem sind bis 2026 rund 700 neue E-Fahrzeug-Modelle geplant. Das gibt der Branche enorme Mengen- und Erfahrungsvorteile. Die Innovationen und laufenden Preissenkungen werden zusätzlich durch den harten Wettbewerb angeregt. Anfang vergangenen Jahres gab es in China noch 107 Produzenten von Elektroautos, von denen etwa 35 im Laufe des Jahres vom Markt verschwanden. Dies sorgt für eine ungeheure Dynamik, von der die Verbraucher und nicht zuletzt die Umwelt profitieren können.

Einige tausend Unternehmen aus China stellten im September in Deutschland ihre Technologien und Produkte vor. Es bleibt spannend, wie sich die Weltwirtschaft für die Außenhandelsnation Deutschland weiterentwickelt und wie sich die eurasischen Wirtschaftsbeziehungen zukünftig gestalten. Auf den Industriemessen war deutlich zu sehen: Von einer Wirtschaftszusammenarbeit können alle Seiten profitieren. Ohne Kooperationen sind die globalen zukünftigen Herausforderungen kaum zu meistern.

Die meisten Unternehmen kamen erstmals nach Europa – und das in einer Zeit, in der insbesondere die Politik gegenüber China neue Wirtschaftsbarrieren errichtet. Doch die Unternehmen sind Schwierigkeiten gewohnt; diese machen sie oft eher noch stärker. Zudem ist der Nutzfahrzeugbereich bislang nicht von Zusatzzöllen bedroht. Was diese Zollschranken am Ende für die Zulieferer bedeuten könnten, ist derzeit allerdings noch unklar.


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Wir brauchen keine Zölle, sondern offene Märkte

Auf den Fachmessen waren die drohenden Zollschranken das Hauptthema. Diese dürften letztendlich der deutschen Automobilbranche den größten Schaden zufügen. „Wir verkaufen 100-mal mehr Autos in China als China in Europa“, betonte die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller. Auch Volker Wissing, Bundesminister für Digitales und Verkehr, und VDA-Chefin Müller erklärten auf der IAA Transportation unisono, dass sie Strafzölle für Elektroautos aus China strikt ablehnen. „Wir brauchen keine Zölle, sondern offene Märkte mit einheitlichen, fairen Wettbewerbsbedingungen“, erklärte Wissing.

„Die Situation ist ernst“, so Müller weiter. „Das Problem ist nicht China, sondern unser eigener Produktionsstandort.“ Die Rahmenbedingungen für die Industrie in Deutschland seien derzeit schlecht. „Der Standort Deutschland fällt international massiv zurück“, warnte Müller. Um dem entgegenzuwirken, müsse dringend Bürokratie abgebaut und konsequent dereguliert werden.

Politische Lösung notwendig

Im Ringen um die Strafzölle gegen Elektroautos aus China hofft auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auf eine politische Lösung. Auf der IAA Transportation in Hannover sah er in den laufenden Gesprächen mit China bereits Fortschritte: „Da löst sich schon was.“ Er wolle unbedingt vermeiden, „dass wir in einem Zug um Zug irgendwann eskalierenden Streit um Zölle enden“. Das schade am Ende nur der deutschen und der europäischen Volkswirtschaft. Auf die konkrete Forderung der Branche, die Entscheidung über die Zölle vorerst zu verschieben, ging Habeck jedoch nicht näher ein.

Chinas Handelsminister Wang Wentao reiste im September durch Europa, um in verschiedenen Hauptstädten und in Brüssel über die EU-Sonderzölle für importierte chinesische E-Autos zu verhandeln. Am 17. September traf er mit Wirtschaftsminister Habeck zusammen. Habeck forderte einen fairen Wettbewerb und sprach sich erneut für eine politische Lösung im Handelskonflikt aus.

Wang Wentao betonte in dem Gespräch, dass die geplanten Zölle auf Elektroautos die Handels- und Investitionszusammenarbeit „ernsthaft beeinträchtigen“. Es müsse schnellstmöglich eine Lösung im Einklang mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) erreicht werden, um eine Eskalation der Wirtschafts- und Handelsspannungen zwischen China und der EU abzuwenden. Auch Habeck erklärte im Anschluss an das Treffen, dass eine Zollspirale, die am Ende beiden Seiten schadet, unbedingt verhindert werden müsse: „Die EU-Kommission und China sollten alles daransetzen, eine Verhandlungslösung zu finden.“ Wie genau diese aussehen könnte, ließ er jedoch offen. Um eine angemessene Lösung zu finden, wären technologischer Sachverstand und ein tieferes Verständnis der chinesischen Industriestruktur notwendig.

Hauptmarkt China für deutsche Autokonzerne

Die deutschen Autokonzerne kennen die chinesische Industriestruktur sehr gut. Volkswagen verkauft beispielsweise dreimal so viele Autos in China wie auf dem Heimatmarkt in Deutschland. Es liegt daher im fundamentalen Interesse der deutschen Wirtschaft und der heimischen Autobranche, die Zölle zu verhindern oder zumindest so gering wie möglich zu halten, da Hersteller wie VW, Mercedes-Benz oder BMW stark vom Absatz in China abhängig sind.

In keinem anderen Land der Welt verkauft Volkswagen so viele Fahrzeuge wie in China: Im Jahr 2023 waren es rund 3,2 Millionen Autos, während der Absatz in Deutschland lediglich bei etwa 1,1 Millionen lag. Auch für BMW und Mercedes geht es jährlich um Hunderttausende Fahrzeuge, die sie in China ausliefern, wie die Fachzeitschrift Logistik Heute berichtet.

Die deutschen Autobauer machten aus ihrem Unmut über die geplanten Zölle kein Geheimnis. Oliver Zipse, Vorstandsvorsitzender der BMW-Group, erklärte in einer Mitteilung deutlich: „Die Einführung zusätzlicher Importzölle führt in eine Sackgasse.“ Sie stärke keineswegs die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller. „Im Gegenteil: Sie schadet dem Geschäftsmodell global agierender Unternehmen und schränkt das Angebot von E-Autos für europäische Kunden ein. Solche Maßnahmen sind ein schwerer Eingriff in das auch von der EU propagierte Prinzip des Freihandels.“

Frank Schwope, Dozent für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Hannover, kritisierte auf Anfrage der Berliner Zeitung ebenfalls die Einfuhrbeschränkungen der EU. Am Ende lande das Problem immer beim Verbraucher. Er warnte: „Für die deutschen Autokäufer sind Strafzölle auf chinesische Elektroautos eine Katastrophe.“ Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer ergänzte drastisch: „Die preisgünstigen E-Autos mit Zöllen künstlich teurer zu machen, ist dümmer als jeder Schildbürgerstreich.“

Ohne China geht auf dem Kfz-Markt wenig

Ohne China geht auf dem Kfz-Markt wenig, so das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer Studie im September. Die Umstellung auf alternative Antriebe sowie eine fortschreitende Deglobalisierung stellen die deutsche Autoindustrie vor große Herausforderungen, obwohl sie auf den Trend hin zum elektrischen Antrieb vergleichsweise gut vorbereitet ist.

Doch die regionalen Branchenschwerpunkte verschieben sich massiv. Im Jahr 2023 wurden fast 60-Prozent aller weltweit hergestellten Kraftfahrzeuge in Asien gebaut – im Jahr 2000 kamen die asiatischen Produzenten erst auf einen Anteil von 30-Prozent. Besonders China holte in einem atemberaubenden Tempo auf. Während im Jahr 2000 in der Volksrepublik rund zwei Millionen Kraftfahrzeuge hergestellt wurden (was damals 3,5 Prozent der weltweiten Produktion entsprach), wurden 2023 in chinesischen Fabriken mehr als 30 Millionen Kraftfahrzeuge gefertigt. Das ist fast ein Drittel der gesamten globalen Automobilproduktion.

In den westeuropäischen EU-Ländern (Deutschland ausgenommen) sank die Kfz-Produktion in den zurückliegenden 23 Jahren dagegen um 39-Prozent, in Frankreich und Italien sogar um jeweils rund 50-Prozent. Die Kfz-Produktion für den europäischen Markt ist zu einem großen Teil an billigere Produktionsstandorte in räumlicher Nähe abgewandert – beispielsweise in die mittel- und osteuropäischen Staaten, die der EU seit 2004 beigetreten sind, sowie in die Türkei und nach Marokko.

Die deutsche Automobilindustrie konnte sich von dieser negativen Entwicklung in Westeuropa zunächst erfolgreich abkoppeln. Sie produzierte von 2000 bis 2017 sogar bis zu 500.000 Kraftfahrzeuge pro Jahr mehr als vor der Jahrtausendwende. Das lag vor allem an der erfolgreichen Erschließung des chinesischen Marktes – die auch die Produktion direkt vor Ort einschließt – sowie an einer Strategie, die konsequent auf margenstarke Oberklasse-Modelle setzte.

Zwischen 2000 und 2017 dominierten deutsche Konzernmarken zwischen 70 und 80-Prozent des weltweiten Kfz-Premiumsegments. Die hohe Zahlungsbereitschaft für deutsche Premiumautos bescherte den Herstellern nicht nur hervorragende Margen, sondern sie ermöglichte es ihnen auch, große Teile der Produktion in deutschen Fabriken zu belassen und den Weltmarkt zu einem relevanten Teil vom heimischen Standort aus zu beliefern.

Technologiewandel hin zur E-Mobilität und Deglobalisierung

Seit 2018 befindet sich die Automobilbranche jedoch erneut im tiefgreifenden Umbruch. Dieser wird angetrieben durch den Technologiewandel hin zur E-Mobilität und durch zunehmende Deglobalisierungstendenzen, die den reinen Export von Autos durch höhere Zölle erschweren. Das macht die Situation für die deutschen Hersteller besonders schwierig, da sie hierzulande zuletzt nur noch zwischen 12 und 13-Prozent ihrer Produktion verkauften – im Jahr 2010 waren es immerhin noch 23-Prozent.

Der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt für alle deutschen Herstellergruppen ist und bleibt China, wo sie 2023 gut ein Drittel ihrer Kraftfahrzeuge absetzten. Doch genau dieses China, wo im Jahr 2023 rund sieben Millionen und im ersten Halbjahr 2024 bereits vier Millionen Kraftfahrzeuge mit E-Antrieb verkauft wurden, baut moderne Stromer mittlerweile selbst extrem erfolgreich und drängt mit innovativer Technologie eigenständig auf den Weltmarkt.

Zu den zehn größten Herstellern von reinen Elektroautos zählen die drei deutschen Konzernmarken. Das ist wichtig, denn auch wenn die weltweiten Absatzzahlen von E-Autos noch relativ niedrig sind, zeigt dies – zusammen mit der Tatsache, dass fast alle Pkw-Montagewerke in Deutschland für die Produktion von E-Autos vorbereitet sind –, dass der hiesige Automobilstandort in Europa bei der Anpassung an den Trend hin zum elektrifizierten Antriebsstrang wohl am Weitesten vorangekommen ist. Noch weist Deutschland auch die meisten internationalen Patentanmeldungen zu dieser Technik auf.

Doch wenn es der Politik nicht gelingt, den technologischen Wandel im Fahrzeugsektor zu begleiten sowie den interkontinentalen Export zu sichern und auszubauen, steht zu befürchten, dass die Automobilindustrie am Standort Deutschland in den kommenden Jahren ausgebremst wird und in ähnlichem Maße Weltmarktanteile verliert, wie es an den anderen westeuropäischen Standorten bereits der Fall war, bilanziert das IDW.

ASIA MEDIA SERVICE, Dr. Thomas Kiefer

Links

Habeck trifft Handelsminister Wang: Handelskrieg schadet beiden Seiten

Strafzölle gegen E-Autos aus China: Habeck fordert politische Lösung

Rekordjahr für E-Autos – China dominiert den Weltmarkt

Thomas Puls: IW-Report. Die Automobilindustrie im Jahr 2024


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Foto: Thomas Kiefer